Der Ortsruf als immaterielles Kulturerbe – Reichenbuch bewirbt sich bei UNESCO

Vier Orte in Baden-Württemberg haben sich zusammengetan, um ihren Ortsruf für die Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO vorzuschlagen. Neben dem Stadtteil Reichenbuch sind dies der Müllheimer Stadtteil Hügelheim, Kappelrodeck und Buchen-Waldhausen.

Pfeil 08.04.2022 08:48

Vier Gemeinden in Baden-Württemberg haben sich zusammengetan, um ihren Ortsruf für die Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO vorzuschlagen. Während die meisten Ortsrufanlagen in Deutschland schon seit Jahrzehnten stillgelegt sind, möchten die Einwohner der vier Orte die Tradition des Ausrufens nicht missen. Kein Wunder, denn auch wenn die Technik veraltet ist, strahlt sie zugleich einen positiven nostalgischen Charme aus.

Deutschlandweit gibt es nur noch gut zwei Dutzend Ortsrufanlagen, die regelmäßig in Betrieb genommen werden. Vier davon befinden sich in Baden-Württemberg, genauer gesagt im Müllheimer Stadtteil Hügelheim, in Kappelrodeck, im Mosbacher Stadtteil Reichenbuch und in Buchen-Waldhausen. Deren Bürgermeister bzw. Ortsvorsteher teilen die Erfahrung, dass ihre Bürgerinnen und Bürger seit Generationen an ihrem besonderen Kulturerbe festhalten. Die lokale Gemeinschaft wird durch den Ortsruf gestärkt, er wirkt identitätsstiftend und ist von integrativer Bedeutung.

In allen vier Gemeinden erstreckt sich ein Netz von Lautsprechern über die Ortschaft, oftmals wurden auch Neubaugebiete an das Netz angeschlossen; die eigentlichen Anlagen stehen im Rathaus oder in der Verwaltungsstelle. Dort verlesen die Ortsvorsteher oder Mitarbeiter der Verwaltung in regelmäßigen Abständen Bekanntmachungen von Vereinen, Kirchen und Einrichtungen der Gemeinde. Doch auch private Nachrichten wie z.B. Jubiläen, Hochzeiten oder Ehrungen werden über den Ortsruf mitgeteilt. Bei bestimmten Anlässen wird das Lautsprechernetz auch für Musikübertragungen genutzt. In Kappelrodeck und Reichenbuch geschieht dies traditionell zur Fastnacht und auch in der Weihnachtszeit. 

Reichenbuch_Ortsruf_(c) Ulla Brinkmann

Ortsrufanlagen knüpfen an die mittelalterliche Tradition der Ausrufer an. Bis in das 20. Jahrhundert wurden die Bekanntmachungen von Gemeindedienern bzw. sogenannten Ausschellern verlesen – oftmals eingeleitet von Glockengeläut. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Nachrichtenübermittlung durch die neue Technik der Ortsrufanlagen übernommen, da diese schneller, zuverlässiger, witterungsunabhängig und kostengünstiger war. Gut ein Drittel aller badischen Gemeinden hatte in den 1950ern einen Ortsruf. Doch bereits wenige Jahre später war deren Blütezeit vorbei, Fernsehen und Radio wurden populärer. Zudem belasteten notwendige Reparaturen die Gemeindekassen, so dass die meisten Anlagen in den 1970/80er Jahren stillgelegt wurden. In Kappelrodeck, Hügelheim, Waldhausen und Reichenbuch behauptet der Ortsruf seinen Platz im Dorfleben jedoch bis heute. Seit der Corona-Pandemie wird das Medium sogar noch häufiger als bislang genutzt. So kam die Ortsrufanlage in Reichenbuch und Waldhausen im ersten Pandemiejahr unter anderem auch für eine Osterandacht zum Einsatz.

Eingangsfanfaren, krächzende Lautsprecher und markante Sprechweise – Ortsrufanlagen sind weit mehr als reine Instrumente der Informationsweitergabe. Guido Fackler, Kulturwissenschaftler und Professor für Museologie an der Universität Würzburg, hat das Phänomen untersucht, unter anderem war er dafür in Kappelrodeck. Der Ortsruf, so Fackler, generiert eine „akustische Dorfsignatur mit hohem Wiedererkennungswert“ und trägt zur Identitätsbildung dörflicher Gemeinschaften bei.

Trotz überkommener Technik und einer immer schwieriger werdenden Instandhaltung halten die vier Gemeinden am Betrieb ihrer Anlagen fest und stellen die Weitergabe des dafür notwendigen Wissens sicher. Um zukunftsfähig zu bleiben, wird überlegt, auch neue Medien in die Übermittlung der Dorfnachrichten miteinzubeziehen. So werden die Durchsagen in Waldhausen zum Beispiel zusätzlich per WhatsApp veröffentlicht.

Im vergangenen November haben sich die vier Gemeinden für die Aufnahme des Ortsrufs ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO beworben. Dessen Ziel ist, die Vielfalt des lebendigen Kulturerbes in Deutschland und weltweit zu erhalten, zu pflegen und zu fördern. Im Verzeichnis sind unter anderem Kulturformen wie Tanz, Theater und Musik, aber auch Bräuche und Handwerkstechniken eingetragen. Die Initiative für die Bewerbung ging von der Gemeinde Kappelrodeck im Ortenaukreis aus. Deren Bürgermeister Stefan Hattenbach nahm im vergangenen Jahr Kontakt zu den Ortsvorstehern in Reichenbuch, Hügelheim und Waldhausen auf. Schnell war klar, dass die Bewerbung gemeinsam erarbeitet und eingereicht werden soll, um das Bewusstsein für dieses besondere Kulturerbe und den Erhalt der Ortsrufanlagen zu stärken. „Alleine schon die Tatsache, dass wir uns landesweit erstmals zusammengefunden und „in der Sache Ortsrufanlage“ vernetzt haben, ist ein toller Erfolg. Das bringt einen praktischen Mehrwert für jede beteiligte Gemeindegemeinschaft in dieser speziellen Aufgabe. Die ungewöhnliche und landesweit einzigartige interkommunale Kooperation auf Distanz war nicht nur von Anfang an sehr unkompliziert und hat Freude bereitet – sie ist auch vielversprechend. Die Krönung wäre natürlich die Anerkennung und Eintragung als Immaterielles Kulturerbe, das wollen wir nicht unversucht lassen. Diese gilt dann bundesweit, d.h. für alle Kommunen, die sich noch für Ortsrufanlagen engagieren, das heißt diese weiter betreiben oder reaktivieren.“, sagt Stefan Hattenbach.

Wie es nun weitergeht mit der Bewerbung, werden die vier Ortschaften in den kommenden Monaten erfahren. Zunächst werden je Bundesland vier Bewerbungen ausgewählt und an das Expertenkomitee der deutschen UNESCO-Kommission weitergeleitet. Dort erfolgt eine Beurteilung und Auswahl, so dass voraussichtlich im Frühjahr 2023 mit Ergebnissen zu rechnen ist. Es bleibt also spannend…

Foto: Ursula Brinkmann

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